»Die Jugend wird es sich nicht nehmen lassen«

Pater Lothar Herter im Interview über Eventkultur, Offenheit und Aussichten für die Zukunft der Nacht des Heiligtums

Pater Lothar HerterPater Lothar Herter, Sie sind einer der Erfinder der Nacht des Heiligtums. Wie kommen Sie auf diesen Namen? Warum “Nacht” und warum “Heiligtum”?

Die Idee entstand nach dem Weltjugendtag in Köln 2005. Damals war der Höhepunkt eine Vigilfeier, die bis in die Nacht hineingeht. Das hat etwas cooles, wenn man miteinander Gottesdienst feiert, betet, singt und das in der Nacht. Und zu „Heiligtum“: Das Heiligtum ist unser Zentrum. Hier in Schönstatt, direkt am Urheiligtum hat alles angefangen. In dieser Nacht und auch das ganze Wochenende gehört es einfach uns, der Jugend. Das feiern wir und da tanken wir auf. So kommt das.

Glauben sie nicht, dass gerade der Begriff “Heiligtum” für Jugendliche die nicht “schönstättisch sozialisiert” sind, abschreckend, also gerade “uncool” wirkt?

Möglicherweise. Aber er macht auch neugierig. Heiligtum ist ein Wort, das im normalen Sprachgebrauch weniger vorkommt. Von daher …

… hat er also etwas altbackenes.

Also für uns ist es eben ein sehr reich gefüllter Begriff. Den kann man nicht einfach ersetzen. Ich denke auf Englisch, “night of the shrine”, das klingt schon cooler. Aber Heiligtum ist für uns gleichzeitig ein Bekenntnis: Da geht es um was Heiliges, um was Göttliches. Das wird dadurch deutlich.

Die Nacht des Heiligtums ist ja nur ein Beispiel dafür, dass die Schönstattjugend die Eventkultur, die mit dem Weltjugendtag 2005 in Deutschland Einzug erhalten hat, aufgreift. Was erwarten sie sich von solchen Events?

Also ich sehe die Hauptchance und Entwicklung darin, dass es zu einem Zusammenspiel von diesen Großevents und Gemeinschaftserleben mit dem ganz normalen Alltag und der Jugendarbeit vor Ort kommt. Die eigentliche Chance ist nicht ein entweder oder, sondern das Eine bereichert und inspiriert das Andere. Hier entsteht über die Jahre eine Generation aus Leuten die sich kennen, die ein gemeinsames Bewusstsein haben, in die Tiefe wachsen. Ich glaube, dass wir in Zukunft immer mehr Leute anziehen werden und auch hier in der Umgebung eine ganze Menge bewegen werden.

Die Events haben auch den Vorteil, dass sie offener sind als zum Beispiel die Gruppen- oder Kreisarbeit. Damit besitzen wir in der Schönstattjugend bereits eine ganz wunderbare Einrichtung und viel Erfahrung. Freundschaften in festen Kreisen, die gehen einen Weg miteinander durch dick und dünn. Aber sie sind in einer gewissen Weise auch geschlossen. Da kann man nicht einfach so von außen dazu kommen. Das gelingt dem einzelnen vielleicht mal und es ist auch erwünscht, es sind aber relativ wenige. Zu einem Event kann dagegen jeder dazukommen. Man kann es miterleben und Freundschaften schließen. Man kann auch wieder gehen und sagen: “Naja, das war’s jetzt”. Aber es ist offen und das ist eine Chance für die Breite, die ich mir erhoffe.

Ein wichtiges Stichwort der Eventkultur ist das des “niederschwelligen Angebots”. Das heißt, dass der Glaube den Jugendlichen in relativ einfacher und unverbindlicher Form angeboten wird. Inwiefern ist “die Nacht des Heiligtums” so ein niederschwelliges Angebot? Oder ist es mehr als das?

Niederschwellig deswegen, weil man kommen kann. Weil man seinen Freund, seine Freundin einfach einladen und sagen kann: “Erlebt das einfach mal mit, sieh es dir einfach mal an!” Das heißt, diejenigen, die noch jemanden mitbringen wollen, haben keine großen Schwellen. Das ist niederschwellig. Die, die mitkommen oder das Event einfach mal besuchen, haben die Chance etwas zu erleben, ohne dass sie sich irgendwie binden müssen. Sie können einfach dabei sein, schauen, es auf sich wirken lassen. Bei so vielen Menschen muss man sich nicht outen. Das ist niederschwellig. Das heißt aber nicht, dass es vom Angebot und von dem, was man erleben kann flach ist. Es kommt auf die Fragen und auf die Offenheit des Einzelnen an. Die einen sagen: “Coole Gemeinschaft”. Andere sehen es eher skeptisch. Die einen sagen: “Da ist eine Tiefe, die hab ich sonst nirgendwo erlebt”. Da gibt es eine ganz große Bandbreite. Aber was wir hier anbieten hat eine ganz tiefe Qualität. Das wird auch erfahrbar. Von daher kann man sich darauf einlassen. Man kann berührt sein, aber es folgt daraus keine Verpflichtung. Man wird nicht gleich in eine Gruppe gesteckt oder sonst irgendwohin verpflichtet.

Gibt es die Nacht des Heiligtums in zehn Jahren noch? Welche Probleme tun sich vielleicht in kommender Zeit auf?

(Pater Lothar lacht) Die Nacht des Heiligtums wird, wenn es so weiter geht wie in diesem Jahr, nicht nur die Nacht, oder ein Wochenende sein, wie es bisher war, sondern es wird mit der Helferwoche sogar ausgebaut. Also ich hab mir am Donnerstagabend gedacht: Es ist unglaublich, es hat eigentlich schon begonnen. Es sind so viele einfach noch einen Tag früher gekommen, um noch mehr mitzuerleben. Schon allein das zeigt, wie gut es ankommt und wie es sich weiterentwickeln wird. Wir werden nächstes Jahr auf jeden Fall eine Nacht des Heiligtums feiern. Dann wird der Fackellauf nach Rom starten. Da freuen wir uns jetzt schon drauf, dass das wieder einen neuen Startpunkt gibt. Und so wird es jedes Jahr ein Stück weiter wachsen. 2014 ist im Moment unsere Zielperspektive. Dann haben wir das 100-jährige Jubiläum von Schönstatt. Das wird noch einmal die Gelegenheit sein, bei der wir die internationale Schönstattjugend einladen werden und das ganz groß machen. Es gibt kein zurück mehr. Die Jugend wird es sich nicht mehr nehmen lassen, die Nacht des Urheiligtums zu feiern und zu zeigen, dass dieser Ursprung ihnen gehört.

Eine positive Zukunftsprognose also zum Schluss. Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Auszug aus einem Interview, das 2008 in der Zeitung “Night of the Shrine” erschien, die du hier runterladen kannst. Die Fragen stellte Johannes Dambacher.

Link: http://www.nachtdesheiligtums.de/idee/die-jugend-wird-es-sich-nicht-nehmen-lassen