Mit der ganzen Existenz da sein

Podiumsgespräch am Samstag im Rahmen der Nacht des Heiligtums 2008 mit dem "Papstpiloten" Martin Ott – Drei berührende Zeugnisse, die Mut zu mehr machen

Er hat den Papst vom Weltjugendtag 2005 in Köln zurück nach Rom geflogen. Zweifellos ein Highlight in Martin Otts Leben, zumal wenn man wie Ott überzeugt katholisch und “Ratzinger Schüler” ist. Als junger Mann hatte der heute 53-jährige Vorlesungen bei Josef Ratzinger gehört und sei besonders von der sprachlichen Gewandtheit und fachlichen Brillanz des damaligen Professors für Dogmatik und Dogmengeschichte fasziniert gewesen. “Diese Kombination von Weisheit und Demut ist einfach niederschmetternd.”

Der Bayer aus Pfaffenhofen an der Ilm hatte den ca. 350 Zuschauern aber noch mehr zu erzählen. Angesichts der Erfahrungen von Naturgewalten, mit denen er immer wieder in seinem Beruf konfrontiert werde, habe er Bescheidenheit und Demut gelernt. “Ich kann beim besten Willen keine 80 Tonnen vom Boden weg bewegen. Die ganze Fliegerei kann nur durch ein geordnetes Miteinander funktionieren.”

So ist auch Ordnung und Harmonie beim siebenfachen Familienvater Ott sehr wichtig. Der Lufthansa-Flugkapitän spricht nicht nur staunend darüber, dass die Luft das unheimliche Gewicht eines Flugzeuges trage, sondern auch darüber wie seine Frau den Haushalt mit den sieben Kindern meistert und “dass das alles einfach so liebevoll läuft.” Als Mann müsse er sowohl im Cockpit als auch in der Familie mit seiner ganzen Existenz da sein. “Du darfst das nicht getrennt von einander sehen, da der Beruf und da die Familie und da vielleicht noch die Musik oder ein Hobby. Das muss zusammen gehören, das darf einander nicht wehtun, eins muss mit dem anderen wachsen…”

So gesehen verwundert es nicht, dass der sympathische Bayer ohne eine Sekunde zu zögern auf die Frage einer jugendlichen Zuhörerin, ob der Flug mit dem Papst sein absolutes Highlight des Lebens gewesen sei, mit einem Nein antwortet. Der schönste Moment in seinem Leben sei es gewesen “bei der Geburt meines Kindes dabei zu sein. Und das sieben mal.”

Ein roter Faden in meinem Leben …

Das Statement von Andreas Neuner traf bei Marcel Brunner genau ins Schwarze. “Es hat richtig viel Bezug zu meiner momentanen Situation. Ich mache in Würzburg gerade mein Abitur nach und muss mich dann auch entscheiden, wie es weiter geht.”

Kurz zuvor hatte der Bamberger Neuner über seinen Werdegang gesprochen und was sein Leben größer mache. Nach einem Jahr Zivildienst und einem weiteren Jahr als Schornsteinfeger stand er vor der Entscheidung seinen Beruf weiter auszuüben oder einen neuen, ungewissen Weg einzuschlagen. Dabei habe der Bamberger gemerkt, dass er bei diesem Entscheidungsprozess nicht allein sei. Durch das Führen eines Tagebuches habe er erkannt, dass sich ein roter Faden durch sein Leben ziehe und dass dabei zweifellos “jemand seine Finger im Spiel hatte”. Gott und die Gottesmutter hätten ihn begleitet, ihn bei diesem Prozess mit ins Boot genommen und ermutigt sich zu entscheiden. “Entscheide dich – egal für was, aber entscheide dich”, so habe der ehemalige Jungmann den Anspruch Gottes an ihn wahrgenommen. Mit Gott und Maria im Liebesbündnis verbunden, hat er sich nun mutig für den neuen Weg entschieden und gegen einen krisensicheren Beruf.

Das Größte an unserem Glauben …

Nicht minder interessant waren die anderen Statements an diesem Morgen. Marina Wehner, eine 25-jährige Erzieherin aus Fulda erzählte von ihrem grenzenlosen Vertrauen in Gott, dass sie schon immer habe. Das Motto “high – higher – highest” verstehe sie als ein immer höheres und tieferes Hineinwachsen in den Willen Gottes. “Jeder Einzelne von uns ist seit Ewigkeit her ein Gedanke Gottes. Unser Ziel ist es in diesen Plan Gottes hineinzuwachsen und ihn auszufüllen.” Dieses Grundvertrauen auf die Vorsehung Gottes sei auch dann nicht gänzlich erschüttert worden, als ihre kleine Schwester Katrin, die mit schweren Behinderungen zur Welt kam, am 30. September 2001 mit 14 Jahren verstarb. Der Tod der kleinen Schwester habe die ganze Familie aus der Bahn geworfen und lange habe sie mit Gott gehadert. Schließlich hätte sie aber erkannte, dass auch hinter Schicksalsschlägen und Trauerfällen der Liebesplan Gottes stehe. “Mit der Zeit wandelte sich das Gefühl der Wut und des Nichtverstehens in eine tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Zeit, die ich mit meiner Schwester verbringen konnte.” Katrin sei ein Sonnenschein gewesen und habe die ganze Familie froh gemacht. Sie dürfe zudem in großer Zuversicht auf ein Wiedersehen hoffen. “Es ist eigentlich das größte an unserem Glauben, dass wir auf ein Wiedersehen hoffen dürfen. In Glauben an die Auferstehung – high – higher – highest”.

Die Würde des Anderen ernst nehmen…

Aus dem Erfahrungshorizont einer Ärztin berichtete die 26-jährige Lena Schwendemann aus Blaubeuren bei Ulm. Als zukünftige Ärztin stehe sie fast täglich vor der Herausforderung, die Würde des Patienten respektieren zu müssen, wenn er etwas nicht kann oder nicht will. Sie sei nicht das Maß für die Entscheidung des Patienten. Der Patient entscheide als Mensch, nicht aus einem medizinischen Horizont heraus. Teil ihrer eigenen Würde sei es, die Würde des Mitmenschen achten zu müssen, auch trotz des größeren medizinischen Wissens, und wenn möglich diese auch zu fördern. Während ihres viermonatigen Aufenthaltes in Rom habe sie die Erfahrung gemacht, dass Berührung sehr heilsam sein kann. “Ich habe erfahren, dass Berührungen gelähmte Ängste lösen, vor einer schweren Operation oder vor dem Ergebnis einer wichtigen Untersuchung. Manchmal können Tränen erst fließen, wenn man in Berührung kommt, wenn man Kontakt aufnimmt.” Durch den Aufenthalt in Rom habe sie gelernt, wie wichtig Berührungen für den Menschen sein können.

Autor: Clemens Mann
Quelle: www.schoenstatt.de
Datum: 26.08.2008
Link: http://www.nachtdesheiligtums.de/ruckblick/nacht2008/mit-der-ganzen-existenz-da-sein